Dokumentarfilme von Joachim Tschirner

Abschlußveranstaltung der Retrospektive DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990 unter Leitung von Günter Lippmann
Joachim Tschirner 2013. Foto: UmWeltFilm
Joachim Tschirner 2013. Foto: UmWeltFilm
Canto General - Der große Gesang von Pablo Neruda und Mikis Theodorakis 1983, 41 Minuten
Katrins Hütte 1991, 87 Minuten

Joachim Tschirner (Jahrgang 1948) gehört zur letzten Dokumentarfilm-Generation der DEFA. Er beginnt Anfang der 80er Jahre als Drehbuchautor zu arbeiten, wird später Regisseur beim DEFA-Studio für Kurzfilme. In einer Langzeitdokumentation beschäftigt er sich mit der Maxhütte, einem Metallurgie-Kombinat  in Unterwellenborn (Thüringen). Ein zweiter Schwerpunkt seiner Arbeit sind Künstlerporträts: Er interviewt und filmt Mikis Theodorakis, Jannis Ritsos, Barbara Thalheim und Gerhard Gundermann. 1992 gründete er zusammen mit sechs weiteren ehemaligen DEFA-Kollegen die UM WELT FILM Produktionsgesellschaft, die er gemeinsam mit Ralf Marschallek noch immer betreibt. Joachim Tschirner produziert bis heute Filme über die Zerbrechlichkeit der Welt, wie sie von den Menschen selbst bedroht wird - zuletzt YELLOW CAKE. DIE LÜGE VON DER SAUBEREN ENERGIE (2010) über die verheerenden Folgen des Uranerzbergbaus.

In dem Film CANTO GENERAL (1982) fragt der Regisseur, warum der griechische Komponist Mikis Theodorakis den grossen Gesang von Pablo Neruda vertont hat. Während der Proben zu der Aufführung im Palast der Republik interviewt der Regisseur den Künstler, begibt sich zudem nach Griechenland den Ort, an dem Mikis Theodorakis verbannt war. Für den Film erhält er auf dem Internationalen Filmfestival in Moskau die Silbermedaille.

"Theodorakis war in der DDR sehr beliebt, und viele kannten seine Lieder. Als er nach dem Putsch der griechischen Obristen interniert wurde, schrieben wir Jugendlichen Protestbriefe an die Junta. Nach seiner Freilassung war er in der DDR jahrelang eine persona non grata, weil er als Eurokommunist nicht richtig in das politische Bild der SED passte. Und plötzlich wurde er wieder hoffähig. (…) Das Mikis im Palast der Republik auftreten durfte war eine kleine Sensation.
Theodorakis führte zum ersten Mal das komplette Oratorium 'Canto General' nach dem Poem von Pablo Neruda auf. (…) Ich hatte eigentlich den Auftrag , über diesen Auftritt einen kleinen Wochenschau- Bericht zu drehen. Ich nahm mit dem Team an den Proben teil, und wir waren derart ergriffen, dass ich beschloss das Filmmaterial für mehrere Wochenschauen für einen Film zu nutzen, für den es noch gar keinen Auftrag gab. (…) Der Film wäre nie zustande gekommen, wenn  man im Studio und im ZK mitgekriegt hätte, was an diesem Tag lief."

Der „Maxhütte“ -Zyklus beginnt 1986 mit einem kurzen Beiprogrammfilm für's Kino. „Katrin“ ein unpretentiöser Film über eine junge Industriearbeiterin, sehr nahe an der Realität. Kurz nach den Dreharbeiten erfahren  die Filmemacher, dass Katrin Hensel als jüngste Abgeordnete in die DDR-Volkskammer einziehen wird. Um jedweden Propaganda-Effekt von diesem Film fernzuhalten, verschweigen sie jedoch diese Tatsache.
Als aber die Filmverantwortlichen im Ministerium der Kultur davon erfahren, bestehen sie hartnäckig auf einen Zusatz am Ende des Films, der die nicht erwähnte Tatsache mitteilt.
Was Joachim Tschirner vermeiden wollte, passiert. Als der Film auf der „Mannheimer Filmwoche“ gezeigt wird, gibt es die befürchtete Reaktion.
„Ich bin Spießruten gelaufen. Am Tag nach der Vorführung stand im Mannheimer Morgen : 'Aus der DDR kam ein öder Propagandaschinken, eine Heldin der Arbeit nervte den Zuschauer 18 Minuten lang.' 
 Wie willkürlich die Kulturbürokratie verfuhr, zeigt sich auch hier. Als diese Reaktionen im Ministerium ankommen, verfügt der Filmminister, dass das erzwungene Anhängsel  wieder herausgeschnitten wird. Lachhaft, aber wahr.
 
Joachim Tschirner und sein Dramaturg Ulli Eifler interessieren sich weiter für Katrin Hensel und können nach langen Verhandlungen ihre  Dreharbeiten für ein Langzeitprojekt – die Begleitung von Katrin bei der Arbeit in der Maxhütte und als Abgeordnete in der Volkskammer über eine ganze Legislaturperiode – nach 1987 fortsetzen.
Es passieren Dinge, die auch Filmemacher nicht voraussehen können. Die DDR und die Volkskammer verschwinden und dennoch können unter den neuen Bedingungen die Dreharbeiten weitergeführt werden, so dass der Film 1991 aufgeführt werden kann. In der Titelliste steht: „Produktionsland: Bundesrepublik Deutschland / Produzent : DEFA Studio für Dokumentarfilme GmbH.“
Joachim Tschirner: „Wir hatten das Glück, dass 'Katrins Hütte' zu den Langzeitprojekten gehörte, deren Fortsetzung durch den Einigungsvertrag gesichert wurde. Ausgerechnet das Innenministerium der Bundesrepublik Deutschland gab nun das Geld für die weiteren Dreharbeiten. Für mich war das eine kuriose Entwicklung.“
So entstand „Katrins Hütte“. 
Quelle:  „Das Prinzip Neugier“ DEFA Dokumentarfilmer erzählen, Verlag Neues Leben, 2012
 
Das schönste Gesicht des Sozialismus, und gemeint ist nicht Katharina Witt, ist ein wenig pausbäckig, trägt leichtes Rouge und sitzt in einem riesigen Stahl- und Walzwerk, das von heute aus betrachtet, auch Ende des 20. Jahrhunderts noch so aussieht wie ein Museum der industriellen Revolution. Das schönste Gesicht des Sozialismus sitzt in einem kleinen Führerstand zwischen lauter dreckigen Männern und aus seinem Mund fallen Worte wie beleidigte Klumpen, weil die thüringische Mundart nicht dafür gemacht zu sein scheint, dass ihr Fremde sich darin wohlfühlen.
»Katrins Hütte« heißt der Dokumentarfilm, den Joachim Tschirner zwischen 1986 und 1991 in der Maxhütte Unterwellenborn gedreht hat und den nun die Vorbereitung auf 20 Jahre Wende in die Programmreihen von Kinos gespült hat. »Katrins Hütte« handelt von Katrin Hensel, einer so genannten Blockwalzerin, die aus ihrem Führerstand einen metallurgischen Prozess begleitet mit Bleistiftstrichen, erratischen, per Telefon übermittelten Kommandos und einer vordigitalen Form der Datenerfassung an einem Gerät, dessen Gehäuse aus Holz ist. Man erkennt noch in der Wahl der Protagonistin die Arbeitsbedingungen in der DDR, deren Auflösung der Film dann protokolliert: Sie ist konform. Keine Dissidentin, sondern eine hübsche, junge, kluge Frau, die in der Männerwelt des staatswichtigen Betriebs besteht und sich mit blauer Bluse in die letzte Reihe der Volkskammer setzen lässt. Neben allem ist »Katrins Hütte« ein Film über die Sprache, die sich vorsichtig aus den Hüllen schält, in der sie in der DDR gefangen war, damit alles bleibt, wie es richtig ist. Und so öffnet sich das Beleidigt-Klumpige allmählich und verfeinert sich zu etwas, das nur der Protagonistin zu gehören scheint. Als Katrin Hensel am 18. März nach Hause kommt und ihr Mann vor dem Fernseher sitzt, aus dem Helmut Kohl über die gewonnene Volkskammerwahl spricht, entfährt ihr: »Den kann ich jetzt nicht ertragen.« Und der Mann sagt: »Er ist überall.« (Matthias Dell)
 
Die Retrospektive DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990 wird gefördert durch die DEFA-Stiftung, die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung und die Sparkasse Barnim. Der Film "Kartins Hütte" wurde auf Wunsch des Regisseurs statt des ursprünglich geplanten Films über Barbara und Werner Thalheim ins Programm aufgenommen.
geschrieben von gisbertamm am 13.08.2013 | 23:52 Uhr
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