Dokumentarfilme von Jürgen Böttcher

Retrospektive DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990 unter Leitung von Günter Lippmann
Ofenbauer 1962, 15 Minuten
Der Sekretär 1967, 29 Minuten
Wäscherinnen 1972, 23 Minuten
Barfuß und ohne Hut 1964, 30 Minuten

Der Dokumentarist Jürgen Böttcher alias Maler Strawalde (Jahrgang 1931) zählt zu den großen Künstlern der DDR. Zeit seines Lebens ist er unangepaßt. Mit seiner Neigung zum Experiment hat er entscheidenden Einfluß auf Künstler nachfolgender Generationen. Seine avantgardistischen Filme sind inhaltlich und formell wegweisend. Der Regisseur sucht in den kleinen, alltäglichen Gesten und Zeichen, die häufig übersehen werden, den Sinn und die Schönheit des Lebens. Seine Filme über die Arbeits- und Kunstwelt werden so zu eindrucksvollen und unverkennbaren Porträts, seine Protagonisten – Küchenfrauen, Wäscherinnen, Stahlarbeiter, Rangierer – strahlen Würde aus.

Besondere nationale und internationale Aufmerksamkeit erlangt OFENBAUER (1962). Der Film protokolliert die 18-m-Verschiebung eines 65 m hohen und 2000 t schweren Hochofens im Eisenhüttenkombinat. Mit fünf Kameramännern schildert das Werk in nüchternen Bildern die Leistung des Kollektivs.

Von den Filmen außerhalb der Arbeitswelt fällt BARFUSS UND OHNE HUT (1965) besonders auf. Er erzählt die Geschichte einiger Jugendlicher, die an der Ostsee Urlaub machen. Authentisch vermittelt er ein jugendliches, antidogmatisches Lebensgefühl Mitte der 60er Jahre. Die Verantwortlichen vermissen ein repräsentatives Bild von der DDR-Jugend. Der Film erhält zwar die Freigabe durch das Ministerium für Kultur, ist aber fast nie in den Kinos des Landes zu sehen.

Mitte der 60er Jahre dreht Jürgen Böttcher seinen ersten und einzigen Spielfilm JAHRGANG 45. Die Arbeit am Film wird in der Rohschnittphase unterbrochen, als er in Folge des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED von den Verantwortlichen als "nihilistisch und skeptizistisch" eingeschätzt wird. Erst 1990 wird eine Arbeitsfassung in der Akademie der Künste gezeigt, später wird der Film rekonstruiert und synchronisiert.

Zurück im DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme dreht Jürgen Böttcher überwiegend Auftragswerke für das Ministerium für Auswärtige Angelegenheit. Dazwischen fällt der Regisseur aber immer wieder mit viel diskutierten Produktionen auf, die einen eigenen Stil markieren. Sein Beitrag DER SEKRETÄR (1967) ist ein Porträtfilm über einen Parteisekretär der SED in den Buna-Werken.  In WÄSCHERINNEN (1972) stehen wieder Arbeiterfrauen vor der Kamera, die offen und vital von ihrem Leben berichten.

Neben seiner Filmarbeit ist Jürgen Böttcher immer auch als Maler tätig. Im Herbst 1961 stellt er als junger Nachwuchskünstler mit anderen in der Akademie der Künste aus. Sein Bild "Gespräch" wird stark kritisiert. In Folge der Formalismus-Debatte erfolgt sein Ausschluß aus dem Verband Bildender Künstler. Seine Möglichkeiten für Ausstellungen sind damit stark eingeschränkt. Ab Mitte der 80er Jahre tritt er wieder verstärkt als Maler auf, der unter dem Pseudonym "Strawalde" mit Ausstellungen in Dresden, Karl-Marx-Stadt oder Berlin Aufmerksamkeit erregt. 

Anfang der 80er Jahren entstehen Experimentalfilme, die seine Kunst in den Mittelpunkt stellen. Daneben und danach widmet sich der Regisseur wieder den Arbeitswelten. Nach dem Fall der Mauer im November 1989 dreht Jürgen Böttcher den Film DIE MAUER (1990), für den er 1991 den Europäischen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm Europas (Felix) erhält.

Seit den 90er Jahre folgt eine intensive Ausstellungstätigkeit im Ausland. Unter anderem sind seine bildnerischen Werke in Frankreich, der Schweiz, in den USA und Belgien zu sehen. Parallel zu den Ausstellungen werden Retrospektiven seines filmischen Werkes veranstaltet.

Neben zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen erhielt Jürgen Böttcher 1992 das Filmband in Gold für sein Lebenswerk. 2001 wird er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Quelle: DEFA-Stiftung

Die Retrospektive DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990 wird gefördert durch die DEFA-Stiftung, die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung und die Sparkasse Barnim.
geschrieben von gisbertamm am 13.08.2013 | 23:32 Uhr
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