Dokumentarfilme von Karl Gass

Retrospektive DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990 unter Leitung von Günter Lippmann
Karl Gass und Frau 2006. Foto: Annett Ahrends. Quelle: DEFA-Stiftung
Karl Gass und Frau 2006.
Foto: Annett Ahrends. Quelle: DEFA-Stiftung
Feierabend 1964, 27 Minuten
Das Jahr 1945 1985, 90 Minuten

Mehr als 100 Kino- und Fernseharbeiten stehen in der Filmographie von Karl Gass (1917-2009). Er ist einer der wichtigsten Dokumentaristen der DDR, für viele Dokumentarfilmer durch seine Lehrtätigkeit auch ein Mentor. 40 Jahre ist er bei der DEFA beschäftigt. An ihm zeigt sich die ganze Problematik des Künstlers in der DDR: Neben didaktisch-propagandistischen finden sich klug-dialektische Filme, neben kleinen Projekten auch offizielle Auftragswerke. Alle zusammen ergeben ein aufregendes und interessantes Lebenswerk.

1961 gründet Karl Gass innerhalb des DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme die Künstlerische Arbeitsgruppe "KAG Gass", die später Gruppe "Effekt" heißen wird. Zwölf Jahre ist er dort aktiv und verfügt sogar über einen eigenen Betriebsteil der DEFA in Kleinmachnow. In der Folge entstehen dort zahlreiche Dokumentationen, die das Arbeiterleben in der DDR beobachten: Schweißer, Bauarbeiter stehen vor der Kamera. Der Stil orientiert sich am "cinema verite": ohne vorher festgelegtes Drehbuch wird gearbeitet, Kommentare gibt es nicht, Originalton untermalt das Geschehen, teils wird mit versteckter Kamera gedreht. Die Filme setzen so ein Bild der DDR zusammen, dass der Realität nahe kommt und auch problematische wie kritische Passagen enthält, ohne allerdings das System und dessen Menschenbild in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Widersprüche werden ausgeblendet. FEIERABEND (1964) über Arbeiter im Erdölverarbeitungswerk in Schwedt an der Oder sowie der Nachfolger ASSE (1966) sind solche Filme. Trotzdem muss Gass sich der SED-Bürokratie gegenüber rechtfertigen, wie er anläßlich der Premiere von FEIERABEND beschreibt:

„Bei der Premiere auf der Baustelle im großen Saal mit drei-, vierhundert Leuten, vorwiegend Arbeitern, gab es viel Beifall. Bei der anschließenden Diskussion im kleinen Kreis saßen hauptsächlich Funktionäre. Nach anfänglichem Lob ging es los mit vielen kritischen Einwänden: ob ich das alles richtig gesehen hätte, ob ich nicht gemerkt hätte, dass es ein neues, schönes Restaurant in der Stadt gibt... Das gipfelte in der Bemerkung, dass ich mich vom sozialistischen Realismus entfernt und dem kritischen Realismus zugewandt hätte. Ich wurde sogar zu einer Bezirksleitungssitzung zitiert, um dort Rede und Antwort zu stehen.“  Zitiert nach „Das Prinzip Neugier“ DEFA Dokumentarfilmer erzählen, Verlag Neues Leben, 2012

Dagegen stehen Filme mit eindeutig propagandistischem Einschlag, die dem Repräsentationsbedürfnis von Staat und Partei Rechnung tragen. Einer der ersten Filme der Arbeitsgruppe wird SCHAUT AUF DIESE STADT (1962), der sich mit dem Bau der Berliner Mauer beschäftigt und sie polemisch rechtfertigt; eine Kampfansage an das andere Deutschland. Mit ANNO POPULI - IM JAHR DES VOLKES 1949 (1969) dreht Karl Gass den offiziellen Film zum 20. Jahrestag der Gründung der DDR. 


Ein weiterer Schwerpunkt seiner Filmarbeiten ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der deutschen Geschichte. Ende der 1970er Jahre wendet sich der Regisseur diesem Thema, den großen politischen Fragen der Zeit zu; das aktuelle Geschehen in der DDR scheint ihm nicht mehr offen vermittelbar ("... weil ich von der führenden Rolle der Arbeiterklasse in der Praxis nicht mehr viel spürte..."). In diesen Filmen, an denen auch Uwe Zeising mitarbeitet, überzeugen neben der Dramaturgie der Fakten die klaren Argumentationen, die auf emotionales Verstehen hin arrangiert sind und nicht propagandistisch überrumpeln sollen. Sie sind materialintensive Filme, die häufig bisher Ungesehenes verwerten und die Zuschauer aufklären wollen.

Der vielfach preisgekrönte Film DAS JAHR 1945 (1985) brachte es im Erscheinungsjahr auf 2 Millionen Zuschauer. Der Kompilationsfilm erzählt von den letzten 100 Tagen des Zweiten Weltkrieges und wird Dank seiner konventionellen Gliederung, seiner klug montierten Fakten und der Vermeidung von moralisierender Agitation ein Publikumserfolg. 


Richtig populär wird er als Moderator der Quiz- Sendung "Sind Sie sicher?" im DDR-Fernsehen, die er von von 1964 bis 1973 sieben Jahre lang moderiert und die enorme Einschaltquoten hat. Hauptpreis ist ein Gutschein für Bücher- oder Schallplatten über 150 DDR-Mark.

Neben seinen Filmarbeiten ist Karl Gass zwischen 1960 und 1970 als Leiter der Regie-Klasse für Dokumentarfilm an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg tätig. Auch danach unterstützt er die Nachwuchsarbeit als Gastdozent und wird einer der Mentoren für nachfolgende Dokumentarfilm-Generationen. Zu seinen Schülern, die in den meisten Fällen auch als Assistenten in seiner Arbeitsgruppe arbeiten, gehören unter anderem Heinz Müller, Volker Koepp, Konrad Weiß, Gitta Nickel und Winfried Junge.  Gass äußerte sich später darüber so:

„Ich habe keinen gezwungen, irgendetwas zu machen, was meinen Intentionen entsprach. Ich versuchte immer, ihnen bestimmte Erfahrungen mitzuteilen, aber ihnen in jeder Hinsicht freie Hand zu lassen und sie nicht zu formen oder einzuengen oder ihnen gar Richtlinien vorzugeben. Ich habe niemals jemanden zu irgendetwas gezwungen, bis auf diesen einen Fall, als ich Winfried (Junge) zum zweiten Golzow-Film vergatterte.“  Zitiert nach „Das Prinzip Neugier“ DEFA Dokumentarfilmer erzählen, Verlag Neues Leben, 2012

Groß ist auch sein Engagement für den Dokumentarfilm. So ist er unter anderem Mitbegründer der Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche, die seit 1955 in Leipzig stattfindet. 

Karl Gass erhielt zahlreiche Preise. FEIERABEND wurde 1964 von der BBC als "Weltbester Dokumentarfilm des Jahres" ausgezeichnet.

Quelle, sofern nicht anders angegeben: DEFA-Stiftung


Die Retrospektive DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990 wird gefördert durch die DEFA-Stiftung, die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung und die Sparkasse Barnim.
geschrieben von gisbertamm am 13.08.2013 | 23:34 Uhr
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