Dokumentarfilme von Roland Steiner und Ernst Cantzler

Retrospektive DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990 unter Leitung von Günter Lippmann
Filmstill aus UNSERE KINDER
Am Freitag, dem 19.9.2014 um 19:30 Uhr wird die Retrospektive „Lebenswelten eines untergegangenen Landes. DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990“ mit den Filmen „...und freitags in die grüne Hölle“ von Ernst Cantzler (1989, 49 Minuten) und „Unsere Kinder“ von Roland Steiner (1989, 85 Minuten) fortgesetzt. Der Eintritt beträgt 5,00 €

Roland Steiner (Jahrgang 1949) wird nach Facharbeiterausbildung mit Abitur und Armeedienst zunächst Kameraassistent im Dokumentarfilmstudio. Ab 1976 nach Abschluss der Filmhochschule ist er als Regisseur in der Kinderfilmgruppe des Studios tätig.
Es entstehen Filme für Vorschulkinder, später Arbeit mit Jugendlichen. Seit dem Studium – wie bei anderen Regisseuren auch – immer wieder Schwierigkeiten bei einzelnen Filmen, bis hin zum Abbruch oder Verbot.
 
"Wir Künstler, die wirklich etwas wollten und das auch machten, konnten gar nicht so scharf rangehen, weil wir von allen Seiten immer beobachtet wurden. Aber wenn das, was wir gemacht haben, richtig gut geworden war, dann war es eine Ehre, verboten zu werden. Wir sind ja vom Publikum dafür geachtet worden. Unsere Filme durften und konnten nicht die Wirklichkeit durchdringen. Aber manchmal zeigten sie den Leuten, dass eine Gruppe von Menschen sich mit ihren Problemen ernsthaft auseinandersetzt. Das war für sie so eine Art von Synchronisation mit ihrem Leben, gespiegelt auf einer großen Leinwand." Zitiert nach „Das Prinzip Neugier“ DEFA Dokumentarfilmer erzählen, Verlag Neues Leben, 2012
 
In den 80er Jahren entstehen Filme über Günter Wallraff, Heinrich Hannover und Erich Fried, dazu ab 1984 fünf Jahre filmisches Leben mit Skins, Punks und Gruftis. 
 
"Ich hatte scheißende Angst. Denn ich bin nachts außerhalb Berlins irgendwohin gefahren oder bestellt worden, dann wurden mir die Augen verbunden, ich wurde fünfmal um die Blöcke gefahren und saß dann in irgendeinem Raum und konnte mit irgendeinem reden, den ich nicht kannte. Es war viel Theater dabei, Abenteuer, auch für mich. … Gleichzeitig fing ich an mit den Antifa-Leuten zu drehen, die gegen die Skinheads kämpften. Die waren im Kindergarten zusammen, haben sich dann geteilt und schlugen sich die Köpfe ein. Dazu die Gruftis. ... Ich konnte 95% von dem, was ich gesehen habe, nicht drehen. … Ich dachte damals sowieso, dieser Film wird nie erscheinen können." Zitiert nach „Das Prinzip Neugier“ DEFA Dokumentarfilmer erzählen, Verlag Neues Leben, 2012
 
Am 5.11. 1989 - gemessen an den Zeitereignissen zu spät - findet die Premiere des Films UNSERE KINDER statt. Die Presse urteilt: "Ein sehr mutiges Zeugnis der Staatsverdrossenheit und der niederdrückenden Gleichgültigkeit zwischen den Generationen."
 
Roland Steiner resümiert später: "Wir hätten stärker sein müssen. Ich meine nicht bessere Dissidenten zu sein, ich wollte die DDR nicht verlassen. Ich hatte dort meine Wärme, meine Freunde, meine Liebe, ich hatte Sonne, die Sonne scheint auf alle gleich. Es gab wunderbare Momente und ohnmächtigen Hass ..." Zitiert nach „Das Prinzip Neugier“ DEFA Dokumentarfilmer erzählen, Verlag Neues Leben, 2012
Filmstill aus Und freitags in die Grüne Hölle

Ernst Cantzler (Jahrgang 1940) entdeckt nach einer Schweißerlehre seine Leidenschaft für die Schauspielerei. Er beginnt als Nebendarsteller in DEFA Spielfilmen, ab 1962 ist er Theaterschauspieler in Staßfurt. Nach dem Armeedienst wird er zunächst Regie-Assistent. Von 1971-77 absolviert er ein externes Regie-Studium an der Filmhochschule in Babelsberg. Danach arbeitet er als Regisseur in der Kinder- und Jugendfilmgruppe des DEFA-Dokumentarfilmstudios. Es entstehen dokumentare Kinderfilme für Kino und Fernsehen. Mitte der 80er Jahre beendet er seine Arbeit für Kinder und wendet sich Themen der Erwachsenenwelt zu. Nach kleineren Arbeiten 1990 ist mit der Abwicklung der DEFA 1991 die Filmarbeit des Regisseurs beendet.
 
Kurz vor Ende der DDR entsteht der Streifen "...und freitags in die Grüne Hölle" über einen Berliner Fanclub des FC Union Berlin. Gemeinsam mit seinem Co-Regisseur Burghard Drachsel findet Ernst Cantzler aussagekräftige Bilder für den angestauten Frust einer Generation. Was Regisseur und Kameramann zeigen, wird bis dato in der DDR totgeschwiegen: gewaltbereite und gewaltverliebte Jugendliche Fußballfans.

Quelle: DEFA-Stiftung

"In der Dokumentation ist vieles zu sehen und zu hören, was unter der SED-Diktatur eigentlich nicht gezeigt und zu Gehör gebracht werden durfte – schon gar nicht in einem DEFA-Film. Ausgehend von einigen Anhängern des 1. FC Union gibt der Streifen einen Einblick in die Welt glühender Fußballfans, zeigt, wie manche von ihnen randalieren, zeigt kollektive Gewalt, "Volkspolizei", die die aggressiven jungen Männer nur noch schwer unter Kontrolle oder wenigstens auseinander halten kann. Zustände, meilenweit entfernt vom stalinistischen Wunschbild einer harmonischen, ganz der Obrigkeit und deren Ideologie verpflichteten Gesellschaft – und offenkundig in der DDR der späten achtziger Jahre längst Alltag. Ansätze zu einer Gegenkultur gegen den totalitären Staat, dem mindestens Teile der Jugend augenscheinlich bereits entglitten sind." Berlin-Film-Katalog

Die Retrospektive DEFA-Dokumentarfilm 1961-1990 wird gefördert durch die DEFA-Stiftung, die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung und die Sparkasse Barnim.
geschrieben von gisbertamm am 13.08.2013 | 23:44 Uhr
Empfehlen Sie diese Seite weiter:
Google+
XING
LinkedIn